Die Kirche von Asfeld
Autorin: Mme Gilberte Tramuset, Historikerin der Stadt Asfeld
Übersetzung: E. Wellenreuther

 

Die Kirche von Asfeld, erbaut im Jahre 1683 unter der Regierung von Ludwig XIV, ist sicher eine der merkwürdigsten und bemerkenswertesten Bauwerke der barocken Stilepoche.
Im Jahre 1671, als Jean-Jacques de MESMES, Graf von AVAUX und Präsident der Berufungskammer im Parlament zu Paris, das Lehen von ECRY mit seinem Zubehör kaufte, um seine Grafschaft von AVAUX abzurunden, drohte die im Umkreis des alten Schlosses gelegene Pfarrkirche einzustürzen. Der neue Herr entschloss sich, in dem durch die Kriege der Fronde zerstörten Dorf alles wieder in Ordnung zu bringen. Als erstes wechselte er auf seinem Siegel den Namen d’ECRY in AVAUX LA VILLE. Dann versprach er dem Kardinal LE TELLIER, Bruder von LOUVOIS und Erzbischof von REIMS, die Kirche gut wiederherzustellen. Und er nahm es aktiv in Angriff.
Er beschloss, sie auf einem öffentlichen Platz und frei nach allen Seiten wieder aufzubauen. Der Platz, wo die Kelter standen, passte vollkommen. Er ließ also die Kelter abtragen. Gleichzeitig kaufte er zwei kleine anstoßende Häuser. Alles auf seine Kosten. Es erfasste ihn die außergewöhnliche Idee, ein Denkmal, ein bemerkenswertes Werk zu errichten. welches seinen Namen verewigen würde und für ihn in den kommenden Zeiten zeugen sollte. Dafür bediente er sich zweier Architekten:

Der Baustil stammt aus Italien und vor uns erhebt sich unter dem Ardennen-Himmel eine Beschwörung der barocken italienischen Kunst mit ihren Kuppeln und Kollonaden.
Die Kirche, ganz in Ziegelstein gebaut, ist nicht geostet1). Man hat oft die Bemerkung gehört, dass ihre Mauern keine einzige gerade Linie zeigen. Das ist augenscheinlich, weil man die Form der Bassgeige vorgeschrieben hat. Damit die Gebete, getragen durch musikalische Wellen, zu Gott steigen. Selbst die Backsteine sind, entsprechend der Stelle, wo sie gebraucht wurden, konkav oder konvex gebrannt. Der äußere Umfang beträgt 145 Meter. Man kann drei Gebäudeteile unterscheiden:

1. das Peristyl (Säulenhalle), eingefasst mit einer durchbrochenen Kolonnade und mit einer länglichen Kuppel gedeckt;

2. der Glockenturm, durchdrungen von Gewölberippen, geschmückt mit Flammentöpfen und von einer Laterne bekrönt;

3. endlich die Rotunde, die für den Gottesdienst bestimmt ist.

 

Die Säulen der Kolonnaden mit Kapitellen der Toskanischen Ordnung verbinden diese Bauteile unter sich.
Eine große Tür und zwei kleine Seitentüren geben Zutritt zum Innern der Kirche. Durch das große Portal, sich zum Peristyl öffnend, tritt man in eine Art kleines Schiffes, durchschreitet man eine große Steinarkade und kommt dann in die eigentliche Kirche, in die Rotunde, die von einer Art Hängekuppel überwölbt ist. Dreißig mächtige Säulen schmücken die obere Galerie, die den Gebäudeturm bildet. Enge Gänge, in die Mauerstärken eingebrochen, hier „Les tournelles“ genannt, erlauben, um die Kirche zu gehen ohne sie zu durchqueren.
Dem Eingang gegenüber ist der Hochaltar und zwei kleine Seitenaltäre befinden sich auf jeder Seite, Logen unter den Tribünen und jede durch ein kleines viereckiges Fenster beleuchtet. Was aber dieser Kirche einen ganz besonderen Scharm gibt, ist die Kolonnade des ersten Stockwerkes, welche die ganze Rotunde mit einem Netz von Lichtern zusammenfasst. In diesem luftigen Durchgang einer Art Triforium 2), sind vier Tribünen ausgespart, welche den Gläubigen vorbehalten waren.
Es ist wahrhaft die poetische Summe einer Kirche, die selbst ein Gedicht ist. Von wo kommt diese einmalige, außerordentliche Idee einer Kirche in Form einer Violine? Sehr wahrscheinlich ist eine Idee, ein Traum des Grafen d’AVAUX. Es ist der Gedanke eines Dichters.
Die „de MESMES“ waren eine Familie von Gelehrten, von Buchliebhabern und Künstlern mit einem beträchtlichen Vermögen, dass ihnen viele Möglichkeiten bot. Einer von ihnen verkehrte im Hotel von RAMBOUILLET. Derjenige, der uns betrifft, seine Eltern und sein Bruder, verkehrten im Kreis der Madame de SEVIGNE. Seit mehreren Generationen stellten sie Präsidenten im Parlament, Gesandte, Mitglieder der „Académie Française“, Großmeister der Orden des Königs.
Jean-Jacques de MESMES konnte nur ein außergewöhnliches Werk schaffen. Sicher ist, dass der anfängliche Kostenanschlag stark überschritten wurde. Von 9000 livres zu Beginn erreichte er zum Schluss 24000 livres. Der Graf d’AVAUX zahlte jedoch den Unterschied und holte selbst aus PARIS alle Ornamente für die Kirche, um sie auf seine Kosten aufzustellen.
Sein Projekt einer so außerhalb der Norm stehenden Kirche musste Kühn wirken. Dabei konnte er bei der technischen Durchführung auf einen Ingénieur mit großem Ruf vertrauen, den Mönch Fançois ROMAIN, welchem es gelang, einen unwirklichen Traum in Stein zu übersetzen.
Und das Ergebnis überrascht heute noch die Besucher. Es handelt sich um ein einmaliges Werk. Jean-Jacques de MESMES hat gewollt, dass sein Name durch ein Kunstwerk weiterlebt.

1) Ostung: Unter Ostung versteht man die Ausrichtung nach Osten, damit hängt auch der Begriff Orientierung (wörtlich = Ostung) zusammen. Dies hat vor allem bei frühchristlichen und mittelalterlichen Kirchen (siehe Romanik, Gotik) Bedeutung. Mittelalterliche Kirchen haben die Form eines Kreuzes mit einer Längs- und einer (oder seltener mehreren) Querachsen. Da nun der Sonnenaufgang als Symbol der Auferstehung galt, wurden die Längsachsen der Kirchen danach ausgerichtet. Der Chor mit dem Altar ist also in der Regel im Osten, der Haupteingang im Westen. In den frühchristlichen Basiliken im Rom hingegen liegt die Frontseite der Kirche im Osten und die Apsis im Westen. Da die Sonne natürlich nicht jeden Tag an der gleichen Stelle aufgeht, sind einige Kirchen auf den Aufgangspunkt eines bestimmten Tages hin geostet. Beim Stephansdom in Wien etwa ist es der 26. Dezember 1137 (der Tag des Patroziniumsheiligen im Jahr des Baubeginns). Mehr dazu unter http://de.wikipedia.org/wiki/Ostung

2) Das Triforium ist ein aus aneinandergereihten Triforen (Dreifachbögen, von lat.: tres, drei und foris, Tür, Öffnung) gebildeter Gang in der Hochwand einer gotischen Basilika, der nur zum Mittelschiff hin geöffnet ist. Es liegt unmittelbar unterhalb des Obergaden, der Fensterzone des Mittelschiffes. Mehr dazu unter http://de.wikipedia.org/wiki/Triforium

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Website über die Kirche: de.structurae.de/structures/data/index.cfm

Einige alte Fotos von der Kathedrale sind hier zu sehen.